Berliner Streetart: Roter Ballon.

Der Frühling ist vorbei. Schon fast wieder eine kleine Ewigkeit. Aber die Sehnsucht, die ist da. Die Sehnsucht nach mehr. Nach dem Großen. Sie ist geblieben, springt hier umher und zieht ihre Kreise. Alle anderen sind schon in ihr drinnen, in dem großen Rot – was für ein farbiger Kringel. Ich bin nicht mit in diesem Knäuel, ich stehe außerhalb. Allein. Die Gedanken sind da, aber was nützen mir die Gedanken, wenn sie nicht erreicht werden. Hoffnung? Nein, die hat sich vor mir versteckt. Ein Versteck auf das man so einfach nicht kommt. Gar unmöglich. Vielleicht ist es sogar besser. Es würde einen nur zerdrücken immer wieder die selben Gedanken zu haben, aber dabei nicht weiterzukommen. Die Frage ist, was soll ich bloß ändern, wenn es nichts gibt in das man eingreifen kann. Es ist wie eine Maschine, die man gestartet hat und die sich nicht mehr stoppen lässt. Strom abstellen, wäre wie Leben abstellen. Unmöglich.

Da muss ich ihn nun fliegen lassen, meinen roten Luftballon. Ganz dick aufgeblasen ist er, mit viel Luft für eine weite und riskante Reise. Ich lasse ihn steigen, er gleitet immer weiter zum Himmel empor. Vielleicht kommt er dort an, wo er erwartet wird. Aber das Wetter ist nicht immer gut und der Wind dreht. Auch die Schutzschicht hält nicht alles aus, sie ist ganz dünn. Jede kleine spitze Berührung würde ihn zerstören. Ihn platzen lassen. Für immer. Was ist mit der Luft? Irgendwann wird sie ihm ausgehen. Ihm wird die Kraft fehlen, weiterzuziehen. Kann sich nicht mehr halten. Sinkt tiefer, immer tiefer in Richtung Erde. Dann kommt sie noch einmal, eine kleine Böe, die herzergreifend versucht dieses ausgemergelte Etwas, neuen Schwung einzuhauchen. Aber es sind nur ein paar Meter mehr, die er es weiter schafft. Ein paar Meter reichen nicht aus. Er sinkt weiter zu Boden. Bis er letztendlich ankommt. Einfach so, ohne jegliche Möglichkeit wieder zu starten. Gekennzeichnet von dem strapazierenden und turbulenten Flug. Jetzt liegt er hier. Ich auch. Wie soll es weitergehen? Kann die schon beschädigte Schutzschicht überhaupt wieder geflickt werden, dass eine Weiterreise möglich ist? Wer wird hier auf das weite, abgelegene Feld kommen und dem Ballon wieder seine notwendige Luft einhauchen?

Ich weiß es nicht. Noch liegen wir hier, es ist kalt vor Nässe. Bangen darauf, gefunden zu werden. Vielleicht kommt ein Junge vorbei, der uns mitnimmt ins Warme uns heilt zum Weiterfliegen, zum Ankommen.

Jetzt sitze ich hier. Nebenan und doch ganz weit entfernt. Blicke auf, in den hellen Punkt dort oben zwischen den dunklen Wolken. Unsere Blicke treffen sich. Schweife ab – zu viel Angst vor zu viel Nähe. Aber das ist doch gerade das, was ich so lange schon suche. Wo ist der Anfang? Der Beginn? Er ist nicht zu sehen, wohl zu weit weg. Existiert er überhaupt, vielleicht bilde ich mir auch alles nur ein und träume wieder einmal zu viel. Ach, warum muss es denn immer so schwierig sein, so unüberwindbar. Wie wird es weitergehen? Wird es weitergehen? Wird es überhaupt erst einmal beginnen? All das sind Fragen, die ich heute noch nicht beantworten kann. Ich hoffe es wird nicht lange dauern bis die Antworten gefunden sind. Derweil werde ich hier auf dem Feld sitzen bleiben und warten bis jemand kommt und mich mitnimmt. Mitnimmt zu sich.


Verfasst am 30. Juni 2009 um 21:52, abgelegt in Leben, Liebe.
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3 Kommentare für »Flieg weiter, mein Kleiner.«


  • Kai schrieb:

    Das ist einfach wunderschön Jan!
    Punkt.


  • Phillip schrieb:

    Hallo Jan,

    ich kann mich meinem Vorredner da nur anschliessen. Ein sehr schöner Text der sogar einen Eisbeutel wie mich bewegt…
    Wünsche dir alles Gute,

    Phillip


  • Blogvorstellung: Indepent. at some about… schrieb:

    [...] entdeckt. Leider kenne ich ihn zu wenig, um mir ein wirkliches Bild über ihn zu machen, aber durch diesen Blogartikel gewährt er einen tiefen Blick in sein Inneres… Und das ist schön, weil es – nicht nur [...]

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