19. Februar 2010

Bitte zurück bleiben.

ÖPNV-Fahrten.

In der Woche verbringe ich mindestens 10 Stunden in dem ÖPNV. Das ist mehr als ein ganzer Arbeitstag. Deswegen sollte diese Zeit auch nicht vergessen werden. Für mich ist sie immer sehr musikalisch, es werden Bücher gelesen, Leute beobachtet oder die Gedanken, beim Anblick der vorbeiziehenden Landschaft, ausgepackt.

Auch ist es ein Ort an dem durchaus etwas passiert. So wie diese Geschichte, die sich allerdings schon vor drei Jahren ereignete, ich aber trotzdem erzählen möchte.

Praktikum. Auf dem Weg in den tiefsten Münchner Norden. Es ist Morgen. Berufsverkehr. Die S-Bahn ist voll. Mir gegenüber sitzen zwei Freundinnen im Alter von ungefähr 22 Jahren. Reden. Reden über die anstehende Party an diesem Freitag, auf der nur Pärchen auftauchen werden und sie, die eine der beiden, aber eben als einzigster Single. Als einigste, die keinen Freund möchte, aber trotzdem frustriert ist. Angst vor dem alleine in der Ecke stehen hat sie, weil die Pärchen bestimmt voller Leidenschaft, sich wälzend verschlingen. Doof findet sie das alles. Die Pärchen. Am überlegen, der Einladung abzusagen. Es ist noch Zeit. Die Party ist erst heute Abend.

Es geht um ihren Vater. Sie würde doch so gerne ausziehen, aber er will sie nicht wirklich unterstützen. Ich höre alles mit. Unfreiwillig. Die Ohrhörer viel zu schwach, um den Schall von außen zu stoppen, ehe er in mein Ohr gelangen kann. Am Marienplatz verlasse ich die beiden und sie ziehen weiter, in die frühen Morgenstunden.

Der Tag verläuft entspannt. Es ist Freitag. Die Arbeit endet somit um 14 Uhr. Ich mache mich auf den Heimweg. Umsteigen am Marienplatz. Meine S-Bahn kommt, kaum Plätze sind frei. Einer. Ich laufe hin. Erwische ihn vor der alten Dame, die ein wenig aus der Übung ist und setze mich.

Blicke auf. Vor mir zwei Mädchen, um die 22 Jahre, die über eine Party reden auf der nur Pärchen erwartet werden und die eine der Beiden als einziger Single auftauchen würde. Sie weiß noch nicht, ob sie hingehen soll um sich das anzutun. Sie erkennt mich, wir reden. Die andere kann sich nicht mehr an mich erinnern. Wieso auch? Merkt man sich freiwillig zwölf Stunden lang die Gesichter, die einem am Morgen gegenüber sitzen? Hätte ich ihnen nicht zugehört, hätte ich am Abend auch nicht bemerkt, dass es sich hier um die selben Freundinnen handelt wie heute morgen.

Manchmal ist das Leben komisch. Manchmal auch viel zu klein und manchmal spielt sich das Leben in der komisch kleinen Welt der S-Bahn ab. Nächster Halt: Karlsplatz, Stachus. Bitte rechts aussteigen.


Verfasst am 19. Februar 2010 um 15:32, abgelegt in Leben.
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3 Kommentare für »Bitte zurück bleiben.«


  • Lunatic schrieb:

    Ich belausche auch öfter mal unfreiwillig seltsame Gespräche – Neulich ein Zugführer, der mit seiner Frau/Freundin telefoniert hat – die ihn wohl sehr wahrscheinlich betrogen hatte.. interessant. o__O


  • Sophie schrieb:

    Wenn das Leben ein Film wäre, dann hätte dein letzter Satz geheißen: Und gestern hatten wir unser 3jähriges!
    Ein Glück ist das Leben kein Film. Wie kitschig wäre das denn.


    • Jan schrieb:

      Manchmal ist das Leben kitschiger als man denkt!

      Und ich bin froh darum – ohne diese Zufälle, die man nur aus romantischen Liebesfilmen kennt, wäre ich jetzt nicht in einer glücklichen Beziehung. Auch wenn diese nichts mit der Geschichte gemeinsam hat.

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