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Komm mit und spür den Wind. Wir kommen an. Irgendwann.

5. November 2011

Blind.

Wolkenstruktur

Wo ist die Brille die mir hinter ihren kitschig bunten Gläsern eine heile, überprächtige Welt vorspielt. Ich hab verloren, was ich ewig suchte. Jetzt fehlen mir die Farben, alles erscheint Grau und schlicht. Es scheint, als würde alles angehalten werden, keine Bewegung der Äste, keine Flügelschläge der Vögel, kein herabsegelndes Blatt mehr. Nichts. Wo befindet sich der Kopf all diesen Kreaturen, diesen empfindlichen Organismen wieder das gewünschte Leben einzuhauchen? Ich will ihn drücken. Jetzt. Sofort.

Den Pinsel nehme ich in die Hand. Bemale großflächig alles in den schönsten Farben, die in meiner Vorstellungskraft liegen, an. Den Details widme ich mich akkurater Genauigkeit, um alles real wirken und erscheinen zu lassen. Man soll denken, dass es ist die Realität ist, doch das wird sie nicht sein, trotz der verblüffenden Ähnlichkeit. Aber es reicht, wenn wenigstens der Glaube da ist, der einem etwas vortäuscht.

Das Knistern des Feuer will ich spüren, in der kalten Jahreszeit. Das Unbekannte erforschen, wie es einst die Menschen lange vor unserer Zeit getan haben. Angst haben und zugleich die Euphorie spüren. Doch ist es das wert? Die kurze Zeit der Ungezügeltheit mit der langen Zeit des Vertrauten einzutauschen? Ist der Jähzorn nur seiner selbst oder entwickelt er sich in etwas Längeres, etwas Unaufhaltbares? Diese Fragen müssen geklärt werden, um sich dann vor lauter Erschöpfung, auf das weiche Kissen zurück fallen zu lassen. In Zeitlupe stürze ich ungebremst nach hinten, ohne zu wissen was mich aufhält, wie tief ich falle, bis ich in die Federn der Schwerelosigkeit gleite und mit ihnen mitfliege, in die Vorstellung des realen Traums. Im Rausch der Transzendenz male ich die schönsten Bilder bunt.

27. Oktober 2011

Gute Nacht, meine Schönheit.

Herbstblatt

Es ist schon dunkel geworden. Die Nacht ist in die engsten Winkel und kleinsten Ecken der Stadt vorgedrungen. Sie streut, über all die Leut, ihren Schlaf. Sternenlichter werden nach und nach ausgeknipst. Die Liebe ist müde. Langsam, ganz still und unbemerkt, schließt sie ihre großen Augen, die schon so viel gesehen haben. Ich wende mich ab. Der nächste Morgen ist nur noch ein paar wenige Atemzüge entfernt. Ich lege mich hin und versuche zu schlafen, träumend von dem Glück, dass mich in seinen umschließenden Armen empfängt.

Der Nebel schleicht durch die engen Straßen. Ganz dunkel noch, ist der frühe Morgen. Ich suche die Schönheit durch die verschwommene und undurchdringliche Luft, werde jedoch im Vertrauten ebenso im Unbekannten nicht fündig. Wo hast du dich versteckt? Verreist ins weite Land, geflohen von der doch so oft aufgesuchten Hässlichkeit?

Die grellen Lichter der Fahrräder blenden und machen mich blind. Schwer und kämpferisch boxe ich mich durch die dicken Nebelschicht. Man begegnet einer Zivilisation, die fast ausgestorben ist – man ist allein, mit sich und seiner Umwelt, der stinkenden Stadt. Die nassen und braun verfärbten Blätter liegen tot auf dem schmutzigen Boden, zertreten und unbeachtet von der Masse.

Regentropfen
Mr.Mac2009

Ach ja, die Zeit vergeht. Sie tickt. Immer tickt sie. Manchmal hört man sie aus der Ferne leise sekündlich den Tack angeben und manchmal ist sie gar so laut, als würden die riesigen Zeiger der Lebensuhr direkt neben dem eigenen Ohr umschlagen. So war es in letzter Zeit. Der Stress, der ja auch positiv sein kann, hatte mich gefangen gehalten.

Nun konnte ich mich befreien – ihm entfliehen um hier und dort mal wieder eine Textzeile zu verfassen oder den einzelnen Tropfen beim Herunterfallen Namen zu geben. Allgemein sind dies aber eher Namen wie Heinz-Detlef, Brunhilde, Hans-Peter-Anton und Dörrte. Namen die mir persönlich nicht gefallen ebenso wie dieses Nass vor der Türe was einen zu erdrücken versucht. Wie lange der Regen noch anhält ist ungewiss. Die letzten Wochen waren jedenfalls unschöner, als es unschön überhaupt sein könnte.

Wo bleibt die Sonne, die wenn sie mich morgens anlächelt einen ganzen Tag glücklich machen kann. Ich an diesen Tagen die Stadt liebe wie eh und je – auf dem Gehweg nicht mehr träge und öde herumlaufe sondern vielmehr voller Genuss und Frische in der Nase von einem Pflasterstein zum nächsten springe. Aber irgendwie flüstert mir jemand ins Ohr, dass der Sommer ins Wasser fällt. Ich mag es nicht glauben und hoffe, dass er sich noch ans Ufer retten kann um nicht ganz zu ertrinken – dies wäre fatal. Was wäre ein Leben ohne den Sommer? Man munkelt, es wäre nicht lebenswert und kalt. Ob es nun wirklich so ist kann man dieses Jahr wohl schon einmal testen – ein Probeabo also für ein Leben ohne Sommer bzw. ohne die Eigenschaften des Sommers.

Aber das Leben hat ja auch noch viel mehr zu bieten und auch die Stadt. Die werde ich mir nämlich die nächsten Wochen noch einmal genau ansehen müssen. Man weiß ja nie, wie lange man noch an diesem Ort verweilt, der sekündlich in die Vergangenheit rückt. Ich höre es ticken. Ganz laut, neben mir. Als würden die Zeiger der Lebensuhr direkt an meinem Ohr umschlagen.

27. Januar 2010

Der Winter tanzt nicht.

Tanzschuhe

Der Winter zeigt sich noch einmal von seiner kalten Schulter. Fest drückt er diese auf uns, den eisigen Temperaturen unfliehbar. Aber der neue Schnee auf Straßen, Wegen und Feldern lässt das innere Herz tanzen – ein kleiner, warmer Fleck im Körper.

Schwer und nass legt sich der graue Schleier über die Stadt. Die Sicht ist trüb, lässt in der Ferne nur ein kleines, knallig und bundes Licht erkennen. Es blingt an einem Kiosk. Open will es alle paar Sekunden mitteilen, bevor es dann wieder erlischt. Zu anstrengend, bei diesen Temperaturen dauerhaft zu leuchten. Die Aufmerksamkeit würde schwinden. Es ist einer dieser Morgende, wie es sie zu Hauft gibt. Grau um uns herum. Die Menschen müde und träge in diesen frühen Stunden. Die Augen blicken nach unten, auf den kalten und dreckigen Boden.

With scarves of red tied ’round their throats
to keep their little heads
from fallin’ in the snow

Wir packen uns weiter in dicke Wolle ein und frieren, auf Sonne wartend. Die Nase rot und unterkühlt. Um einen herum nichts als Stille. Die Augen nur einen kleinen Spalt geöffnet, gerade ausreichend für das Finden des Weges.

Komm, komm lass uns weiter diese Kühle und doch angenehme Stille genießen. Im Sommer tobt hier das Leben. Es hat gerade noch geschlossen. Schwach, nur wenn man genau hinsieht, kann man es erkennen. Den Lichtschriftzug des Sommers: Open der noch aus ist, nicht leuchtet, gar blinkt. Im Sommer wird er in den buntesten Farben erstrahlen, die es je gegeben hat und doch kaum auffallend, da sich um das Schild herum auch das Grau in die schönsten Farben verwandelt hat. Trotzdem, die Winterpause darf nun auch gerne wieder weiterziehen.