Wo ist die Brille die mir hinter ihren kitschig bunten Gläsern eine heile, überprächtige Welt vorspielt. Ich hab verloren, was ich ewig suchte. Jetzt fehlen mir die Farben, alles erscheint Grau und schlicht. Es scheint, als würde alles angehalten werden, keine Bewegung der Äste, keine Flügelschläge der Vögel, kein herabsegelndes Blatt mehr. Nichts. Wo befindet sich der Kopf all diesen Kreaturen, diesen empfindlichen Organismen wieder das gewünschte Leben einzuhauchen? Ich will ihn drücken. Jetzt. Sofort.
Den Pinsel nehme ich in die Hand. Bemale großflächig alles in den schönsten Farben, die in meiner Vorstellungskraft liegen, an. Den Details widme ich mich akkurater Genauigkeit, um alles real wirken und erscheinen zu lassen. Man soll denken, dass es ist die Realität ist, doch das wird sie nicht sein, trotz der verblüffenden Ähnlichkeit. Aber es reicht, wenn wenigstens der Glaube da ist, der einem etwas vortäuscht.
Das Knistern des Feuer will ich spüren, in der kalten Jahreszeit. Das Unbekannte erforschen, wie es einst die Menschen lange vor unserer Zeit getan haben. Angst haben und zugleich die Euphorie spüren. Doch ist es das wert? Die kurze Zeit der Ungezügeltheit mit der langen Zeit des Vertrauten einzutauschen? Ist der Jähzorn nur seiner selbst oder entwickelt er sich in etwas Längeres, etwas Unaufhaltbares? Diese Fragen müssen geklärt werden, um sich dann vor lauter Erschöpfung, auf das weiche Kissen zurück fallen zu lassen. In Zeitlupe stürze ich ungebremst nach hinten, ohne zu wissen was mich aufhält, wie tief ich falle, bis ich in die Federn der Schwerelosigkeit gleite und mit ihnen mitfliege, in die Vorstellung des realen Traums. Im Rausch der Transzendenz male ich die schönsten Bilder bunt.
Es ist schon dunkel geworden. Die Nacht ist in die engsten Winkel und kleinsten Ecken der Stadt vorgedrungen. Sie streut, über all die Leut, ihren Schlaf. Sternenlichter werden nach und nach ausgeknipst. Die Liebe ist müde. Langsam, ganz still und unbemerkt, schließt sie ihre großen Augen, die schon so viel gesehen haben. Ich wende mich ab. Der nächste Morgen ist nur noch ein paar wenige Atemzüge entfernt. Ich lege mich hin und versuche zu schlafen, träumend von dem Glück, dass mich in seinen umschließenden Armen empfängt.
Der Nebel schleicht durch die engen Straßen. Ganz dunkel noch, ist der frühe Morgen. Ich suche die Schönheit durch die verschwommene und undurchdringliche Luft, werde jedoch im Vertrauten ebenso im Unbekannten nicht fündig. Wo hast du dich versteckt? Verreist ins weite Land, geflohen von der doch so oft aufgesuchten Hässlichkeit?
Die grellen Lichter der Fahrräder blenden und machen mich blind. Schwer und kämpferisch boxe ich mich durch die dicken Nebelschicht. Man begegnet einer Zivilisation, die fast ausgestorben ist – man ist allein, mit sich und seiner Umwelt, der stinkenden Stadt. Die nassen und braun verfärbten Blätter liegen tot auf dem schmutzigen Boden, zertreten und unbeachtet von der Masse.